{"id":22909,"date":"2020-04-30T13:29:07","date_gmt":"2020-04-30T13:29:07","guid":{"rendered":"http:\/\/alexandrawendorf.de\/?p=22909"},"modified":"2020-10-23T12:36:01","modified_gmt":"2020-10-23T12:36:01","slug":"jette-jertz-keep-on-walking","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandrawendorf.de\/?p=22909","title":{"rendered":"Jette Jertz \u2013 Keep on Walking"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"has-vivid-purple-color has-text-color wp-block-heading\">WEITERGEHEN BEDEUTET, SICH F\u00dcR DAS LEBEN ZU ENTSCHEIDEN.<\/h5>\n\n\n\n<p>Bewegung ist f\u00fcr Jette Jertz ein wesentliches Merkmal ihrer Arbeit. Im Sinne einer steten Entwicklung bewegt sie sich als K\u00fcnstlerin zwischen den Stilen: sei es Abstraktion und Figuration, informelle oder gegenst\u00e4ndliche Malerei. Spontanes Experiment und gestisch-konstruktivistische Kompositionen wechseln sich mit durchdachten Bildmotiven ab, die der Realit\u00e4t entnommen sind. Auf diese Weise bereichert Jette Jertz ihre Malerei um die M\u00f6glichkeit, aus einem nicht enden wollenden Repertoire von Formen, Motiven und Themen zu sch\u00f6pfen. Begrenzungen \u2013 sowohl in formaler als auch geistiger Hinsicht \u2013 sind ihr fremd. Vielmehr gilt es, Neues auszuprobieren und sich jeden Tag aufs Neue inspirieren zu lassen. In ihrer aktuellen Bildserie KEEP ON WALKING ist diese Arbeitsweise zugleich auch bildgebendes Thema geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bewegung, Laufen, Fahren, Reisen, Migration oder Exil \u2013 Menschen haben sich immer wieder auf Wanderschaft begeben, sind mobil, Grenz\u00fcberschreitende, Durchreisende und leben nicht selten ein Nomadendasein. Wanderschaften von einem Ort zum anderen schaffen Kontakte, sorgen f\u00fcr kulturellen Transfer, lassen Ideen, Wissen und geistige Str\u00f6mungen von einem Land zum anderen tragen, bis diese sich oftmals mit den jeweils anderen vermischen. Nicht selten entsteht dadurch Neues. Heute leben Menschen in einer globalisierten Welt mit all ihren Vor- und Nachteilen. Auch die zeitgen\u00f6ssische Kunstproduktion steht im Zeichen des globalen Wandels und ist sowohl Ergebnis als auch Reflexion desselben. Transitorische Zust\u00e4nde pr\u00e4gen vermehrt famili\u00e4re und zwischenmenschliche Konstellationen und Lebensformen, pr\u00e4gen zunehmend Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Sie werfen Fragen nach Identit\u00e4t und Individualit\u00e4t, nach Heimat, Fremde und Integration auf, bestimmen den kulturellen Diskurs. Was bedeutet es, die Heimat zu verlassen, andere L\u00e4nder und Kulturen kennenzulernen, andere Sprachen zu sprechen? F\u00fchlt man sich nur fremd in der Fremde oder kann man auch fremd im eigenen Land sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Jette Jertz sind diese Fragen nicht neu und werden von ihr in ihren Arbeiten immer wieder formuliert. Sie selbst ist seit fr\u00fchester Kindheit vielfach auf Reisen gewesen und an mehreren Orten in der Welt aufgewachsen. Sie ist Ortswechsel und die Ann\u00e4herung an andere Kulturen und (zun\u00e4chst) fremde Menschen durchaus gewohnt. Insofern k\u00f6nnte f\u00fcr sie das k\u00fcnstlerische Statement des franz\u00f6sischen K\u00fcnstlerkollektivs Claire Fontaine \u201eForeigners everywhere\u201c eine werkimmanente Bedeutung haben: Jeder kann fremd sein, es kommt nur auf die Perspektive und den jeweiligen Standpunkt der Betrachtung an. Das Fremdsein w\u00e4re somit eine conditio humana, eine dem menschlichen Dasein innewohnende Eigenschaft. Mit diesem Postulat w\u00fcrde die Bedeutung der kulturellen und ortsbezogenen Identifikation relativiert und ein Pladoyer f\u00fcr Offenheit, Akzeptanz und Selbstreflexion ausgesprochen werden. Angesichts der \u00dcberlegung, dass jeder Mensch, egal welcher Herkunft und finanziellen Situation in die Lage gr\u00f6\u00dfter Unsicherheit geraten und seines Zuhauses, seiner Heimat beraubt werden kann, l\u00e4sst die Bilder Jette Jertz\u2018 allgemeing\u00fcltig werden. Ohne jedwede Moral oder affirmativen Charakter wirken ihre Motive und Bildthemen auffordernd. Auffordernd im Sinne des Nachdenkens \u00fcber sich selbst und die eigene Verletzlichkeit angesichts einer sich st\u00e4ndig und rasant ver\u00e4ndernden Welt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignwide size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1030\" height=\"822\" src=\"https:\/\/alexandrawendorf.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Jertz_AW-Website2-1030x822.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-22914\" srcset=\"https:\/\/alexandrawendorf.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Jertz_AW-Website2-1030x822.jpg 1030w, https:\/\/alexandrawendorf.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Jertz_AW-Website2-600x479.jpg 600w, https:\/\/alexandrawendorf.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Jertz_AW-Website2-300x240.jpg 300w, https:\/\/alexandrawendorf.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Jertz_AW-Website2-768x613.jpg 768w, https:\/\/alexandrawendorf.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Jertz_AW-Website2-700x559.jpg 700w, https:\/\/alexandrawendorf.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Jertz_AW-Website2.jpg 1037w\" sizes=\"(max-width: 1030px) 100vw, 1030px\" \/><figcaption>Jette Jertz, Jungs, 80 x 100, Mischtechnik, 2016<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>So zeigt beispielsweise die Bildserie \u201eAuf der Stra\u00dfe\u201c eine extreme Perspektive, bei der wir die stark verk\u00fcrzte Aufsicht auf Beine und Schuhe einer stehenden Person wahrnehmen, als w\u00fcrden wir selbst an uns herunterschauen. Hier wird der gegenteilige Moment des Gehens veranschaulicht: Das Stehen geht dem Gehen voraus. Auch ist das Stehen immer wieder notwendig, um eine Pause einzulegen, um etwa die Richtung zu bestimmen, um innezuhalten. Insofern deutet Jette Jertz gerade in diesen Bildern einen weiteren Aspekt ihres Titels KEEP ON WALKING an: Wer geht, muss eine Richtung einschlagen, muss sich entscheiden, kann oder muss weitergehen, kann oder muss das Tempo und das Ziel bestimmen. Doch angesichts der weltweiten Fl\u00fcchtlingskatastrophen ist diese Selbstbestimmung nicht mehr gegeben; es gibt keine frei Entscheidung. Nur das Weitergehen mit der Hoffnung auf ein friedliches Ziel scheint die einzig m\u00f6gliche Option zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Song von Charles Ives (1874-1954) \u201eWalking\u201c (1902) hei\u00dft es \u201eBut we keep on a walking, \u2018tis yet not noon-day, the road still calls us onward, today we do not choose to die or to dance, but to live and walk.\u201c Das Gehen ist hier als aktiver, lebensbejahender Zustand zu verstehen. Das Weitergehen mag nicht unbedingt zielf\u00fchrend sein, doch es verweist auf Ver\u00e4nderung und Zukunft hin, was immer sie bringen m\u00f6gen. Sie bedeuten immer auch, die Chance auf ein besseres Leben ergreifen zu k\u00f6nnen, Altes zur\u00fcckzulassen und neu zu beginnen \u2013 und vor allem: weiterzuleben. Wer hingegen stillsteht, kann sich nicht entwickeln und kommt nicht vorw\u00e4rts, nicht weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in diesem Sinne k\u00f6nnen die Werke von Jette Jertz verstanden werden: Sie sind neben ihren kritischen Konnotationen auch ein Appell, sich zu bewegen und die damit verbundenen Ver\u00e4nderungen anzunehmen. Ihre kraftvolle Malerei l\u00e4sst jedenfalls dem Stillstand keinen Raum; zwischen dem vielschichtigen Spiel von Abstraktion und Figuration verleiht Jette Jertz ihren Bildmotiven derart viel Bewegung, dass sie nachhaltige Spuren beim Betrachter hinterlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Informationen zur K\u00fcnstlerin:<a href=\"http:\/\/www.jettejertz.de\" data-type=\"URL\" data-id=\"www.jettejertz.de\"> www.jettejertz.de<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weitergehen bedeutet, sich f\u00fcr das Leben zu entscheiden.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":22913,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"gallery","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexandrawendorf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22909"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexandrawendorf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexandrawendorf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandrawendorf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandrawendorf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22909"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/alexandrawendorf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22909\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23230,"href":"https:\/\/alexandrawendorf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22909\/revisions\/23230"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandrawendorf.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/22913"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexandrawendorf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22909"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandrawendorf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22909"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandrawendorf.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22909"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}