Alexandra Wendorf | ZWISCHEN TRADITION UND INNOVATION
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ZWISCHEN TRADITION UND INNOVATION

DER FRANZÖSISCHE INSTALLATIONSKÜNSTLER BAPTISTE DEBOMBOURG

Seine Installationen sind gewaltig – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie nehmen den Raum ein, sind monumental und überwältigen ihn geradezu. Baptiste Debombourg (geb. 1978), der an der Ecole National des Beaux Arts in Lyon Bildhauerei studierte und an der Ecole National Superior des Beaux Arts in Paris post-graduierte, erschafft Werke, die gleichsam Zerstörung und Erneuerung thematisieren. Er visualisiert die Gegensätzlichkeit von Kraft und Schwäche, die Ambivalenz von Tradition und Moderne sowie die Widersprüchlichkeit in Gesellschaft und Leben. Dabei verwendet Debombourg unterschiedlichste Materialien, die er bis zum Äußersten modifiziert: Verbundglas, das zerschlagen und zersplittert eine faszinierende Entmaterialisierung erfährt; fließend wie Wasser scheint es Räume zu überfluten und das Licht wie aufschäumende Wellen einzufangen und kristallklar zu reflektieren. Metallene Heftklammern werden tausendfach auf Wände oder Holztafeln getackert, um schließlich in Anlehnung an historische Radierungen großformatige „Zeichnungen“ entstehen zu lassen. Laminierte Holzplatten werden zerschlagen und zu monumentalen Raumskulpturen neu zusammengesetzt.

 

Debombourgs Werke sind ohne kunsthistorische Referenzen bzw. das Wissen um ikonographische Bedeutungen nicht denkbar. Er schöpft aus einem großen theoretischen Repertoire, um seine Ideen zu realisieren. In der intellektuellen Auseinandersetzung  schafft er inhaltliche Bezüge zur Gegenwart – oftmals kritisch, zuweilen auch ironisierend. So versetzt er beispielsweise Dürer‘sche Szenerien mit heroisierenden Männermotiven des Bodybuildings oder Motorsports, interpretiert religiöse und tradierte Motive völlig neu. Einhergehend mit einem Höchstmaß an technischer Präzision und Innovation  ruft er gleichermaßen Verstörung und Faszination hervor – und schafft Werke, die in ihrer heftigen Schönheit immer wieder auf die Vergänglichkeit allen Seins verweisen.

 

Wir trafen Baptiste Debombourg in der Kölner Galerie Krupic und Kersting und sprachen mit ihm über seine Inspirationen und Arbeitsmethoden.

Ich versuche, die formalen Grenzen zu sprengen und will das Konzept von ganzheitlicher Kunst entwickeln, um Raum und Leben zu verbinden.

 

In Ihren Arbeiten herrscht ein starker Gegensatz zwischen Schönheit und Brutalität. Fragiles Glas wird zerbrochen und zerstört; in Ihren Bildthemen verfremden Sie bekannte Szenen zuweilen mit verstörenden Ergänzungen.
Ja, in gewisser Weise ist das ein Merkmal meiner Arbeiten. Ich bin fasziniert von Interventionen und Innovationen. Ich gehe immer an das Limit des Materials, das ich verwende, bewege mich zwischen extremer Kraftanstrengung und Sensibilität; die Möglichkeit, stark und schwach im selben Moment sein zu können, entspricht doch unserem Leben selbst. Ich liebe die Auseinandersetzung, Materialien und Menschen. Der Zufall, im experimentellem Sinn, ist das Kernstück meiner Arbeit. Das ist die Art, wie ich meine Kunst entwickle und erforsche. Bei dieser Arbeitsweise weiß man nie was zum Schluss passieren wird. Ich glaube an die Kraft der Idee, oder wie Pierre Restany einmal geschrieben hat: „Das Material bleibt als Zeuge der Idee übrig“.

 

Sie arbeiten vielfach raumbezogen und Ihre Installationen beschäftigen sich inhaltlich mit der jeweiligen Umgebung, der Architektur und Geschichte eines Ortes. Inwieweit ist die Raumbezogenheit wesentlich für Ihre Installationen?
Ich betrachte meine Arbeit als Forschung und es interessiert mich, mit dem Alltag und der Gesellschaft zu interagieren. Man gewinnt die Möglichkeit, hinter die Grenzen der Kunst zu gelangen, wenn man aus dem Museum, aus der Galerie hinausgeht … Ich versuche, die formalen Grenzen zu sprengen und will das Konzept von ganzheitlicher Kunst entwickeln, um Raum und Leben zu verbinden. Robert Filliou sagte einmal: „Kunst ist, was das Leben interessanter macht als Kunst.“ So arbeite ich immer kontextuell, meine Werke schließen Architektur, die Materialität, das Leben und auch die Menschen mit ein, die in der jeweiligen Umgebung oder in dem jeweiligen Raum leben.

 

Wie kann man sich diese Arbeitsweise praktisch vorstellen?
Meine Arbeitsweise entsteht aus der Umgebung und dem jeweiligen Kontext heraus. Jedes Projekt inspiriert mich, bestimmte Materialen zu wählen und manchmal bringt es mich auch dazu, neue Arbeitsmethoden zu entwickeln und anzuwenden. Dazu arbeite ich häufig mit Spezialisten zusammen. Ich teile meine Arbeit in öffentliche und private Projekte, obwohl beide auch komplementär sein können. Ich schätze Auftragsarbeiten im öffentlichen Raum, weil ich überzeugt bin, dass Kunst viele Antworten auf Themen der Gesellschaft geben kann; Künstler sind Experten der sensiblen Wahrnehmung …

 

Sie experimentieren mit den unterschiedlichsten Materialien: Glas, laminiertem Sperrholz, Styropor oder Heftklammern. Inspiriert Sie auch das Material, um die Form für Ihre Kunstwerke zu finden? Zuweilen zitieren Sie kunsthistorische Werke; sind diese auch eine Inspirationsquelle?
Ich betrachte das Objekt als Subjekt. Für mich ist, um mit Roger Martin du Gard zu sprechen, „das Material der Sklave des Geistigen“. Seit Jahrhunderten haben Künstler mit historischen Referenzen gearbeiten und tragen dazu bei, ihren Blick  auf Lebenssichten mit anderen zu teilen. Ich entwickle meine Werke in dem Spannungsverhältnis von Tradition und Innovation, Geschichte und Gegenwart.

 

Ihre Glasinstallationen, nicht zuletzt Ihre Lichtinstallation „Tu m‘existe“ während der Agora 2014 – Biennale de Bordeaux, legt den Verdacht nahe, dass religöse Themen in Ihrem Werk eine Rolle spielen …
Religion ist Teil unserer Gesellschaft und ich betrachte sie so wie andere Dinge auch – vielleicht mehr von einem kunsthistorischen Blickwinkel aus. Ich denke, dass es nötig ist, an das zu glauben, was wir tun, weil alles in unserem Leben einen Sinn hat. Ich selbst glaube an den Menschen – mit seiner Fähigkeit, sowohl schlecht als auch gut sein zu können.

 

Informationen zum Künstler: http://www.baptistedebombourg.com/fr

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